Il disegno è di tanta eccelenza che non solo ricerca le opere di natura, ma infinite piú quelle che fa natura.
Die Zeichenkunst besitzt so außerordentliche Eigenschaften, daß sie nicht nur den Werken der Natur nachgeht, sondern unendlich viel mehr hervorbringen kann, als die Natur selbst gemacht hat.
Leonardo da Vinci, Trattato della pittura, 33
Grenzgänge
Das Zeichnen ist ein vertrauter scheinbar sehr einfacher, unkomplizierter, unaufwendiger Akt, nur wenig ist notwendig um Ideen, Gesehenes, Erlebtes schnell in nicht verbaler Form festzuhalten. Zeichnung, der viele Jahrhunderte für Malerei und Skulptur vorwiegend eine dienende Funktion zugewiesen war, oftmals nur vorbereitende Skizze und Bildfindungsidee war, konnte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem autonomen Medium mit eigenen Perspektiven und Strategien entwickeln.
Für Morten Schelde (*1972, Kopenhagen) ist die Zeichnung schon seit vielen Jahren das bevorzugte Medium. Mit einfachen Mitteln – Stift und Papier – und Formen – Striche und Linien – ist sie sein Weg der Reflexion. Der Künstler versteht Zeichnung als Aneignung von Wirklichkeit, Notieren und Memorieren von Erlebnissen, Erfahrungen und Emotionen sowie als Kreation von Welt. Schelde bringt seine Bilder mit Blei- oder Buntstift in feinen gleichmäßigen Strichen auf Papier aber auch temporär auf Wände, er wechselt oftmals die Formate und neuerdings „zeichnet“ er mit dem Computer, kombiniert Zeichnung und Fotografie oder nutzt die Kupferplatte für seine Entwürfe und fertigt Radierungen an.
In „Children of Suburbia“, einer Serie, die Schelde 1999 begann, lassen sich sein spezifischer Blick und seine Erzählformen gut nachvollziehen. Ein Einfamilienhaus überragt von hohen Baumstämmen (#34) aber auch Innenräume wie beispielsweise eine Garage, oder Wohn- und Arbeitsräume (#43, #44) sowie ein kleiner Jungen, der einen Bären auf einem unsichtbaren Weg oberhalb einer menschenleeren Autobahn begleitet (#17), sind auszumachen. Die monochromen Zeichnungen, äußerst akribisch und genau gearbeitet, erzeugen Erstaunen, Irritation und Neugierde. Die einzelnen Gegenstände oder Szenerien erscheinen vertraut und bekannt. Die Bilder stammen aus dem Fundus der Alltäglichkeit, sie sind sofort erkennbar, leicht lesbar und zu verorten. Doch gleichzeitig verbreiten sie eine unterschwellige Unruhe, Bilder wie Kompositionen geben bei genauerer Betrachtung Rätsel auf. Die detaillierte Zeichnung, die vordergründig die Anmutung einer zeichnerischen Bestandsaufnahme besitzt, wirkt bei längerer Betrachtung beunruhigend. Wie in den Filmen von Francis Coppola oder David Lynch wird das unterschwellige Grauen, die dunkle Kehrseite und das Verschwiegene hinter der Oberschicht langsam erfahr- und spürbar und subtil eine unheimliche Atmosphäre evoziert. Die Verknüpfungen seiner Bilder, sein Erzählfluss, erinnern an Lynchs Filme, in denen oftmals Begriffe wie Raum und Zeit im Ungewissen bleiben. (Alp)träume, persönliche Erfahrungsräume und Erinnerungen, mentale Vorstellungen schieben sich in Scheldes Arbeiten ineinander und verbinden sich mit einer äußeren Realität.
Eine Schatztruhe unter Palmen steht in einem Wohnraum, (Treasure Island, Dear Tiger! 2005) Wasserfluten überspülen Innenräume: Kellergewölbe, Lagerräume oder Arbeitsräume verlieren ihre feste Basis, lösen sich in ein Raumgefüge eigener Logik auf und entziehen dem Betrachter gleichzeitig den Standpunkt, die gesicherte Perspektive (The Cavemans Diary, 2006). In einer riesigen Zeichnung ist ein lebensgroßes galoppierendes Pferd zwischen schlanken, steil aufragenden Baumstämmen auszumachen, auf dem Waldboden, auf den umgebrochenen Zweigen, den das Pferd unter sich hat, sind zerstreut oder zufällig arrangiert menschliche Zivilisationsspuren, Abfälle eines Picknicks vielleicht, wie eine Plastiktüte einer dänischen Handelskette, eine Bierdose, vermuten lassen könnten. Aber noch mehr lässt sich finden: eine Waschmaschine, ein Schraubenzieher, ein Paar Frauenschuhe, eine exotische afrikanische Maske und zwei Bücher, beide identisch und ohne Schriftzug auf dem Cover. Die Bücher erinnern in ihrer Gestaltung an eine jüngst erschienene Publikation von Claus Carstensen. Zahlreiche Fragen drängen sich auf: Wer hat hier was weggeworfen oder zufällig liegengelassen, will sich jemand befreien und lösen von Überflüssigem oder gar Vorbildhaftem? Wer irrt durch den Wald? Wer hat das oder die Pferde losgelassen? Wo und wer ist ihr Halter … ? (Crazy horses wasteland, 2007).
Die Zeichnung ist für Morten Schelde ein Spiegel seines Alltags, seiner Ängste, Träume und Sehnsüchte. Narratives und Imaginäres kann er verbinden. Mit feinen Linien hält der Künstler Umrisse wie Oberflächen einer äußeren Realität fest. Aus einem schier unerschöpflichen Fundus von Bildern schöpft er seine Bildideen. Es sind Bilder, die er im Internet gefunden hat sowie eigene Zeichnungen oder Fotografien von alltäglichen Gegenständen, wie vertrauten Räumen, Zimmern oder Personen, die mit privaten Erinnerungen, Emotionen verknüpft sind. Schelde vereinnahmt die Bilder, formal, inhaltlich und funktional. Die Bilder stehen für eine visuell erlebte Erfahrung, die nicht verbal zu formulieren ist. Die Zeichnung bietet dem Künstler die Möglichkeit, sich aus den Fesseln der Sprache wie der gefunden Bilder, ihrer Formen, zu lösen. Sie verschafft ihm die Möglichkeit subjektives Erleben zu thematisieren und eine subjektive Formensprache zu finden, die einen neuen Raum eröffnen, eine Welt, die hinter den Dingen liegt. Schelde durchdringt die Grenzen von Wort und Bild, er arbeitet mit widersprüchlichen, konträren Welten und Realitäten. Seine Bilder bleiben uneindeutig. Nicht selten verweisen sie auf literarische Quellen wie beispielsweise den englischen Abenteuerroman „Treasure Island“ von Robert Louis Stevenson oder das Gedicht „The Rime of an Ancient Mariner“ von Samuel Taylor Coleridge. Auch reale Begebenheiten, wie eine Schiffreise auf einem Expeditionsschiff mit Wissenschaftlern und Journalisten, die ihn von Grönland über die Azoren nach Südafrika führte, können Ausgangspunkt seiner Arbeiten sein. (The Great Ficition of Science, 2007) Der Künstler bringt die vordergründige Realität stets ins Wanken, verweist auf ihre Brüchigkeit. Die kleinen, erst auf den zweiten Blick merkbaren Wechsel der Perspektiven und Ebenen, sowie die unterschiedlichen Größen der einzelnen Gegenstände, die monochrome Farbgebung, die zu einer Fokussierung des Blicks und einer Verfemdung des Bildes führt und die Absurdität, Skurrilität und das Mysteriöse der Situationen irritieren und faszinieren zugleich. Erzählfäden werden gesponnen und gleichzeitig gerissen. Der Künstler bricht mit linearen Handlungs- und Zeitverläufen. Gegensätzliche Lokalitäten, Realitäten und Zeiten sind in einem Bild verknüpft.
Scheldes Arbeiten bieten eine (visuelle) Einladung, sich auf eine verborgene Geschichte einzulassen, die unterschiedlichen emotionalen, visuellen und narrativen Fäden aufzurollen, die verschiedenen Fährten aufzuspüren. Visuelle Geschichten, die der Künstler aus (persönlichen) Erinnerungen und Erfahrungen konstruiert, sind zu entdecken und in ein neues, eigenes Beziehungsgeflecht zu setzen und fort zu führen. Seinen Werken sind Vieldeutigkeit und Unentscheidbarkeit inne, die verschiedene Wahrnehmungs- und Deutungsmöglichkeiten erlauben. Neue Sicht- und Sehweisen eröffnen sich, die die Grenzen zwischen Fiktion und Imagination, Realität und Illusion, Bildern und Worten aufbrechen und neu definieren.
Der Betrachter kann – wenn er sich auf Scheldes Bildwelten einlässt – selber Protagonist sein, wie etwa Alice in Lewis Carrolls hintergründigem Buch „Alice im Wunderland“, wo vieles oder fast alles anders ist als in dem vertrauten Alltag. Auch in Morten Scheldes Werken sind Ordnungskategorien wie Raum und Zeit, Rationalität, Identität und Sprache außer Kraft gesetzt. Auf die bisherigen Erfahrungen ist wenig Verlass mehr, der sogenannte Normalzustand ist nicht mehr existent; doch damit entsteht gleichzeitig Raum für neues, eine Welt öffnet sich, in der eine eigene Logik der Erzählung besteht, die sich der Eindeutigkeit entzieht oder gar unauflösbar bleibt.
Dr. Jeannette Stoschek
wissenschaftliche Mitarbeiterin
Museum der bildenden Künste Leipzig
2007